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  • René Tent

Experten am Werk

Aktualisiert: 12. Jan. 2019


 

Eine Gegenüberstellung (incl. Anschauungen aus „goldenen Zeiten“)

- Der (so seine Eigenbezeichnung) „kunstliebende Fürst“ Wilhelm II hat 1901 in der Pose des Feudalherrn einen hochherrschaftlichen Wegweiser zur „hehren Kunst“ vorgestellt. Seine Ausführungen können sehr treffend als Definition von Kunst verstanden werden, wenn man sie ins absolute Gegenteil kehrt.

Seine Majestät ist der Auffassung, er habe seinen deutschen Künstlern „absolute Freiheit“ gegeben.

Freiheit als großzügige Gabe ist jedoch Abhängigkeit. Freiheit ist keine Leihgabe. Man nimmt sie sich – ohne um Erlaubnis zu fragen.

- Seine Majestät weiß: Kunst schafft immer aus der „großen Quelle Natur“. Diese „Natur“ gehorcht den „ewigen Gesetzen“, die „Gott selbst gesetzt“ hat.

Dahinter steckt völlig unreflektiert und unverstanden eine Vorstellung von Natur, die sich am klassischen Begriff des „Guten und Schönen“ orientiert. Kunst ist für ihn nicht „durch Menschenhand“ von den „großen Grundsätzen“ zu lösen. Kunst ist also göttliche Eingebung und zeigt das gerade in ihrem Hang zur Idealisierung und pathetischen Überhöhung. Solche Machwerke kennt man zu Genüge vor allem aus dem europäischen 19 Jh..

Kunst ist aber von Menschen gemacht, und die Natur ist das Leben und Sterben, mit dem sich der Künstler auseinandersetzt. Er ahmt sie nicht nach, sondern sie ist seine permanente Reibungsfläche. Das hat nicht unbedingt etwas Dramatisches, das kann auch satirisch, melancholisch, aggressiv und resignativ geraten, auch spielerisch, auch enigmatisch.

- „Wir“ kennen das „Gesetz der Schönheit“ gesteht der große Wilhelm, und er räumt ein, dass in „jedes Menschen Brust“ ein „Gefühl für Ästhetik und Harmonie“ zu finden sei. Ein Kunstschaffender, der diese „Gesetze“ nicht achte, „versündige“ sich. Whoa! Da ist sie wieder die Beweihräucherung, Heiligsprechung, Erhabenheit der wahren Kunst. Und da ist auch die Gleichsetzung von Schönheit und Harmonie. Harmonie zerstören ist subversiv, politisch auf jeden Fall unerwünscht. Und was macht z.B. eine radikale „9. Symphonie“ harmonisch und damit schön? Kein Wunder, dass Jazz gleich als Neger- (sprich Affen-)Musik galt, dass Strawinsky mit seinem „Sacre“ Tumulte auslöste, dass Goethes „Iphigenie“ eher langweilt als sein verstörender und chaotisch-phantastischer „Faust“.

Natürlich hat Kunst mit Ästhetik zu tun, da sie gestaltet. Nur die Vorstellung vom „Schönen“ (nicht nur in der Kunst!) ist stetem Wandel unterworfen, folgt keiner kulturunabhängigen Regel und würde auch einen großen Teil Kunst des 20. Jh.s zu bloßem Schrott degradieren.

- Der Monarch will aber nicht nur die schöne Kunst, sondern auch die erzieherische. Der Mensch solle aus der Kunst lernen.

Manchmal lerne ich aus einem Roman etwas, doch der Roman selber wollte mich nicht belehren. Seine Absicht ist ganz und gar nicht, Schule zu spielen. Er will nur gelesen werden, und schenkt mir, was er zu bieten hat.

- Wilhelm II spricht der Kunst die Aufgabe der „Tröstung“ zu. Kunst ist wunderbar, da sie das hart „arbeitende Volk“ über sein Dasein hinaushebe und das Leben erträglicher mache. Hurrah! Auf in die Alltagsmühseligkeit, in Maloche und Hunger, auf in den Krieg, mitgerissen und angeführt von den Standbildern heldischer Streiter, glorifizierter Idole und Anführer. Es lebe die staatstragende Kunst und das beschwichtigte, geblendete Volk.

Nein. Kunst soll nicht Mittel zum Zweck sein, nicht blind machen sondern sehend. Nicht immer schafft sie das; welcher Normalbürger versteht wirklich, was er da in Ravels Sonate für Violine und Violoncello oder in Bachs 1. Cello-Suite hört; wer „versteht“ Peter Paul Rubens‘ „Liebesgarten“ oder Hoppers „Sun in an empty Room“? Was fangen wir mit James Joyce‘ „Ulysses“ an? (Dass kaum jemand sich die Mühe macht, ihn zu lesen, beweist nicht seinen Mangel an Kunst.); Willi Baumeisters „Bluxao“, eines seiner vielen abstrakten Gemälde, ist für die Mehrheit entweder ein Rätsel oder nichtssagend bunt. Ich habe erfahren, dass Kinder gerade vor solchen abstrakten Bildern eine große Anzahl von Vorstellungen entwickeln, in denen sie das Dargestellte nach und nach besser verstehen und dabei auch sich selber.

Der Düsseldorfer Bildhauer Arno Breker (1900 – 1991) konnte verblüffend gut modellieren (Das fanden schließlich auch die Nationalsozialisten). Für meine Suche nach dem Künstlerischen ist er ab 1934 absolut unergiebig und langweilig, da seine Botschaft absolut eindimensional ist und sich vorbehaltlos in den Dienst einer Ideologie stellt. Henry Moore bildete Figuren, die ich immer wieder ansehen, umrunden, betasten möchte, wobei die unterschiedlichsten Eindrücke entstehen. Er hat keine Botschaft. Dafür sind seine Objekte zu komplex. Er ist frei. Mein Glück.

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